Lohnt sich LinkedIn Video für Unternehmer überhaupt?
Seit gut zwei Jahren hören Unternehmer denselben Satz von allen Seiten: Video ist die Zukunft, wer jetzt nicht filmt, ist raus. Meistens kommt der Satz von Leuten, die Video-Kurse verkaufen.
Wir sehen das entspannter, Video ist für uns erst mal ein Format unter mehreren. Wenn Sie in Gesprächen überzeugen, aber beim Gedanken an eine Handykamera innerlich verkrampfen, dann sieht man das im Video, und zwar sofort. Dann ist ein guter Text-Post schlicht die bessere Wahl.
Gleichzeitig wäre es unehrlich, Video kleinzureden. Ein Gesicht und eine Stimme schaffen Vertrauen auf eine Art, die Text nur schwer hinbekommt. Sagen wir mal, ein Geschäftsführer sucht einen Berater für ein heikles Thema. Er hat Sie dreimal 60 Sekunden reden hören und weiß ungefähr, wie Sie auf eine kritische Frage reagieren. Das erste Gespräch fühlt sich dann an wie ein zweites. Genau dafür lohnt sich Video, für Reichweite eher weniger.
Was LinkedIn selbst über Video sagt
Die meisten Zahlen, die über LinkedIn-Video kursieren, stammen von Tool-Anbietern und lassen sich kaum überprüfen. Belastbar ist vor allem, was LinkedIn im Februar 2025 öffentlich gemacht hat. Laut TechCrunch stiegen die Video-Uploads um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr, Videos, die direkt in LinkedIn erstellt werden, verdoppelten sich sogar. Gleichzeitig hat LinkedIn die Vollbild-Ansicht für Hochkant-Videos, die es vorher nur in der App gab, auch auf den Desktop gebracht. Man tippt ein Video an und wischt sich dann von Clip zu Clip. Ganz fertig war das damals nicht, LinkedIn sprach selbst von einer Testphase.
Was daraus folgt, sagt LinkedIn natürlich nicht dazu: Wenn alle mehr Videos hochladen, wird es auch im Video-Feed voller. Wer heute anfängt, kommt nicht in einen leeren Raum.
Die technischen Grenzen sind großzügig. Laut LinkedIn-Hilfe darf ein Video bis zu 15 Minuten lang und 5 GB groß sein, das Seitenverhältnis kann zwischen 1:2,4 und 2,4:1 liegen. Technisch ist damit fast jedes Format abgedeckt. Automatische Untertitel bietet LinkedIn an, allerdings nur für eine begrenzte Zahl an Sprachen. Am Desktop können Sie zusätzlich eine eigene Untertiteldatei im SRT-Format hochladen, das beschreibt die Hilfe-Seite zu Untertiteln.
Ein schlechter Text wird als Video nicht besser
Hier widersprechen wir einem guten Teil der Video-Ratschläge, die so im Umlauf sind.
Bei einem Partner aus dem E-Commerce haben wir uns die Posts der letzten Monate angesehen. Die reinen Info-Posts kamen auf 120 bis 340 Impressions und null Kommentare. Ein Post mit einem klaren Gegner, bei dem sich die Leser auf eine Seite stellen mussten, kam auf 5.702 Impressions und 15 Kommentare. Mehr als Faktor zehn, und den Ausschlag hat der Blickwinkel gegeben.
Wenn ein Gedanke als Text niemanden interessiert, wird er durch Kamera und Schnitt nicht interessanter. Er wird nur länger. Umgekehrt gilt: Eine Aussage, die als Text schon Reibung erzeugt, kann im Video noch mal deutlich stärker werden, weil man Ihnen anhört, dass Sie es ernst meinen.
Deshalb raten wir, jedes Video zuerst als Text zu schreiben. Was ist die eine Aussage? Wem widerspricht sie? Erst wenn das in drei, vier Sätzen steht, lohnt es sich, das Handy aufzustellen. Viele merken an diesem Punkt übrigens, dass der Text allein schon reicht.
Das Minimal-Setup, das wirklich reicht
Sie brauchen kein Studio, und ehrlich gesagt wirkt ein zu glattes Studio-Video auf LinkedIn oft sogar fremd. Das hier genügt:
Ihr Handy, hochkant, auf Augenhöhe, mit der Hauptkamera statt der Selfie-Kamera, wenn Sie es schaffen. Ein kleines Stativ oder ein Bücherstapel tut es auch.
Licht von vorne. Setzen Sie sich ans Fenster, mit dem Gesicht zum Fenster. Das Fenster im Rücken ist der häufigste Fehler, danach sind Sie nur noch eine Silhouette.
Ton ist wichtiger als Bild. Ein günstiges Ansteckmikrofon macht mehr aus als jede neue Kamera, Hall in einem leeren Besprechungsraum dagegen ruiniert jedes Video.
Untertitel, immer. Viele schauen ohne Ton, im Großraumbüro zum Beispiel oder abends auf der Couch, während nebenan der Fernseher läuft. Ob Sie LinkedIns automatische Untertitel nutzen oder sie mit einer Schnitt-App direkt ins Bild legen, ist Geschmackssache. Wichtig ist nur, dass Sie sie vorher durchlesen, denn Fachbegriffe und Firmennamen werden gern zu Unsinn.
Und noch eine Kleinigkeit, die oft vergessen wird: Auch ein Video-Post braucht einen Text darüber. Zwei, drei Zeilen, die neugierig machen und für sich stehen.
Was passiert in den ersten drei Sekunden?
Im Feed entscheidet sich in einem Wimpernschlag, ob jemand stehen bleibt. Die meisten Unternehmer-Videos verschenken genau diesen Moment. Sie beginnen mit „Hallo, ich bin …“ oder einem animierten Logo. Manchmal auch mit einem Räuspern und einem Blick zur Seite, als würde hinter der Kamera gleich jemand „Jetzt!“ rufen.
Steigen Sie stattdessen mitten in den Gedanken ein. Der erste Satz ist der Hook, genau wie bei einem Text-Post. Zum Beispiel: „Ich habe letzte Woche einem Kunden abgesagt, obwohl er sofort zahlen wollte.“ Oder: „Wenn Ihr Angebot länger als zwei Seiten ist, liest es niemand bis zum Preis.“ Beides sind Sätze, bei denen man wissen will, wie es weitergeht.
Wer sich vorstellen will, macht das am Ende, in einem Satz. Ihr Name steht ohnehin über dem Post.
Bei der Länge hilft eine einfache Frage: Würden Sie diesem Gedanken in einem Meeting zwei Minuten zuhören, ohne aufs Handy zu schauen? Wenn nein, kürzen. Die 15 Minuten, die LinkedIn erlaubt, sind ein technisches Limit und keine Empfehlung. Für den Anfang halten wir 30 bis 90 Sekunden für vernünftig. Ein längeres Interview oder eine Aufzeichnung von einem Vortrag kann funktionieren, braucht dann aber einen sehr starken Einstieg, und meistens ist ein kurzer Ausschnitt daraus der bessere Post.
Wann wir von Video abraten
Wenn Sie wissen, dass Sie es genau einmal machen und dann nie wieder. Ein einzelnes Video zwischen zwanzig Text-Posts bringt wenig, Vertrauen entsteht durch Wiederholung. Auch wer jedes Video drei Tage lang plant und am Ende doch nicht postet, fährt mit Text oder Fotos besser. Für Inhalte mit Schritten oder Checklisten ist ein LinkedIn Karussell meist die schnellere Lösung, und eine gute Reibungsfrage holt oft mehr Kommentare als jedes Video. Mehr dazu steht im Artikel über LinkedIn-Kommentare.
Der Kern bleibt in jedem Format derselbe: eine Aussage, die nach Ihnen klingt. Genau daran arbeiten wir im LinkedIn Ghostwriting. Wir entwickeln mit Ihnen Themen und Formulierungen und testen in den ersten drei Monaten, welche Bildsprache bei Ihnen trägt. Ob am Ende auch Video dazugehört, entscheiden wir gemeinsam, wenn klar ist, was bei Ihren Lesern ankommt.
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